Fotos: W. Broemser
Bürohaus Dockland, Hamburg
Architekten: Bothe, Richter, Teherani (Hamburg)
Bauzeit: 2004-2006
Architekturen // Bürohaus
Eine Immobilie, die mobil macht
"Dann würden wir sogar der 'Queen Mary' davonkraulen - mobiles first!"
Fischpass
Bauspiele
Militärhistorisches Museum
Tagungszentrum
Schlosshotel
Schiefermahlwerk + Kulturhaus
Universitätscampus
Evangelische Freikirche
Grimm-Zentrum
Regionale Schule
Bürohaus Dockland
Vinothek
Neue Synagoge
Hummerich-Halle
Food Hotel
Forum Confluentes
Mehrgenerationenhaus
Steinskulpturen-Museum
Ausflugsrestaurant
Lava Dome
Start |
Oh, lovely moon |
Das Allerletzte |
Unten |
Zoo-Gespräche |
Impressum
"Hamburg ahoi! Wenn Wasser trocken wäre, wären wir die größten Wasserratten."
Diesem Maklerwunsch wird    wohl das am östlichen Ende  der Hafencity geplante Jahr-hundert-Projekt des Elbtower  vollumfänglich gerecht. Der siegreiche Entwurf von David Chipperfield sieht einen weißen Riesen mit Fassaden-lamellen aus Aluminium vor, so überirdisch schön wie der Lohengrinsche Schwan, eine Diva mit verdrehter Fassade, die jedem Ästheten den Kopf verdreht. Doch während      der Senat von Beginn an begeistert war, ließ sich die Hamburgische Bürgerschaft viel Zeit, ehe sie dem Vertrag zum Verkauf des Grundstücks zustimmte. Denn sie hegte Zweifel am Erfolg des min-destens 700 Millionen Euro teuren Bauwerks. Wohl zu Recht, adressiert doch die Mixed-Use-Immobilie höchst disparate Nutzer, von denen sich nur ein Teil die hohen Mieten wird leisten können - die Vermarktung des Riesen dürfte, pardon, riesenschwer werden. (Der Autor ist jetzt mal so pessimistisch, wie es sich für Deutsche gehört.)
Hat die Stadt schon wieder Angst vor der eigenen Courage?

"Hamburg ist kein Zwerg. Der Investor ist kein Zwerg. Und dann dieser Kleinmut - das ist nicht sexy."
Helmut Schmidt, aus dem Jenseits

"Deutsch sein heißt: die Hosen vollzuhaben statt anzuhaben."
Der Investor, aus dem Diesseits

"Man muss auch mal was wollen - meine Hose bleibt leer, darauf verwette ich mein letztes Hemd!"
Oberbaudirektor Franz-Josef Höing

"Die Vorstellung einer Inve-stitionsruine ist absoluter Unfug!"
Hafencity-Chef Jürgen Bruns-Berentelg

"Das wird das geilste Hoch-haus der Welt!"
Olaf Scholz, der euphorischste Politiker der Welt

"Eine Absage des Elbtower wäre noch doofer als die Absage der Olympischen Spiele."
Uwe Seeler, Fußball-Legende

"Aber ist so viel Phallus nicht politisch unkorrekt, liebe Hamburger?"
Der Bewohner einer phalluslosen Kleinstadt

"Holl dat Muul, Döskopp!"
Uwe Seeler, volkstümlich

"Das Besondere an dem Turm soll sein, dass er nichts Besonderes ist."
Architekt Jan Kleihues über den Signaturm am Berliner Alexan-derplatz - das krasse Gegenteil zum Elbtower, der ebenfalls von Signa errichtet wird.

"Architektur berührt immer eine Metaebene."
Wolf D. Prix, der Anti-Kleihues aus Österreich, der den Unter-schied zwischen Bauen und Architektur lehrt.

"Was ist schön? Was bei Instagram Erfolg hat."
Aristoteles, aus dem Jenseits
Arbeiten und dabei über dem Wasser schweben, das geht in Deutsch-
land wohl am besten in Hamburg, dem Tor zur Welt, das architektonisch
leider nicht immer die große Welt ist - siehe die Elefantenparade der
Solitärbauten in der Hafencity, wo auch Wohnhäuser aussehen wie
Bürokästen, wo Hochhäuser zum Schutz der Kirchturm-Silhouette nicht
(zu) hoch sein dürfen und daher keine Proportion haben, wo Backstein-
fassaden als "anheimelnde Tarnkappe" fungieren und das "nostalgische
Lokalkolorit" (Niklas Maak) zum Kaschieren urbaner Langeweile liefern.
Das Dockland zwei Kilometer weiter westlich zeigt dagegen, was möglich
ist an maritim inspiriertem Bauen: Hier wird einer Immobilie Bewegung      
eingehaucht, hier darf ein Hamburger Vorzeigearchitekt mal wieder    
ein Statement setzen. Architektur hat Spektakel zu sein, kontrollierter
Exzess, nur dann liefert sie mehr als ein Dach und vier Wände. Gebäude
müssen bestaunt werden wie Models auf dem Catwalk - und zugleich
"tragbar" sein. Architektur muss auch schön sein (dürfen).
Stadttor mit langem Bug

Wie ein "Tor zur Stadt Hamburg" (Hadi Teherani) erhebt sich das
gläserne Parallelogramm des preisgekrönten Neubaus am Altonaer
Elbufer. Ein 40 Meter langer Bug kragt in einem Winkel von 26 Grad frei
aus und gibt dem Gebäude die Anmutung eines Schiffes, das permanent
in See sticht.* Eine Konstruktion aus Stahlrahmen trägt die skulpturale
Erscheinung, für deren Bau eigens Sand am Ufer der Norderelbe auf-
geschüttet werden musste. Die verglaste Fassade erlaubt einen weiten
Ausblick auf das Hafenpanorama. Besucher können über eine doppelte
Freitreppe am Heck die öffentlich zugängliche Dachterrasse erreichen.
Keine Holzklasse - der neue Holzhafen

"Die Breite des Hauses ermöglicht es, Kommunikationszonen wie Tee-
küchen oder Besprechungsräume im Mittelbereich anzusiedeln, ebenso
Archive und Druckerräume. Die offenen Flächen mit frei eingestelltem
Mobiliar schaffen eine großzügige Umgebung zum Arbeiten" (Teherani).
Das Dockland fügt sich in einen Reigen neu errichteter Wohn- und Büro-
immobilien (Hanse Gate, Columbia Twins, Elbdeck, Elbkaihaus), die das
Gelände am Altonaer Fischereihafen zu einem architektonischen Hot-
spot Hamburgs machen - neben der Hafencity und dem lange vernach-
lässigten Harburger Binnenhafen ("Channel Harburg"). 
Die Hansestadt machte manches falsch...

Viele Projekte, vor allem in der Hafencity, wurden und werden jedoch
nur schleppend realisiert, und das ist auch der Inkompetenz der Ham-
burger Baupolitik geschuldet. Bei der Elbphilharmonie verhob sich der
Stadtstaat als Bauherr deutlich, stellte das Prestigeobjekt, nach ein-
einhalbjährigem Baustopp, nicht 2010, sondern erst 2016 fertig, und
musste auf die geplanten 77 Millionen Euro noch 789 Millionen drauf-
satteln. Beim südlichen Überseequartier setzte der städtische Entwickler
und Vermarkter, die Hafencity GmbH, zuerst auf die Falschen. Dann
dauerte es Jahre, bis man "Mr. Right", in diesem Fall Unibail Rodamco,
an Land zog. Das neue Mittel der Anhandgabe der Hafengrundstücke
musste wohl erst eingeübt werden.
"Ready for take off" - gilt bisher eher für Flieger auf dem Airport Knuffingen als für die sterile Hafencity.  
*) "Dynamismus" heißt der Architekturstil, der Gebäude schafft, die aus der Reihe tanzen,    
die nicht stillhalten wollen, die so lebendig wirken, dass der Ausdruck "Lebenszyklus" für
Immobilien plötzlich mit Leben erfüllt wird. Je mehr Stil Architektur hat, je mehr ihre Ausdrucks-
seite die materielle Seite dominiert, desto mehr wird Architektur zum Akteur, der auf uns ein-
wirken, der provozieren, unsere Phantasie wecken will. (Architektur ohne Stil lässt dagegen
unser Bedürfnis nach Kontakt zur gebauten Umwelt verkümmern, was die Qualität unseres
Lebens untergräbt - es fehlt uns etwas, auch wenn wir nicht wissen, was.) Zaha Hadids
Wissenschaftsmuseum phaeno ist so ein "aktiver" Zeitgenosse, oder Delugan Meissls Porsche-
Museum, Hadi Teheranis Tanzende Türme an der Reeperbahn sowieso, und Günther Domenigs
Büro-Lindwurm, das T-Center in Wien, wirkt fast bedrohlich mit seinem unbändigen Drang
nach Bewegung.
Aufrecht stehen statt geduckt gehen!
"Hamburg bräuchte höhere Wohn- und Gewerbegebäude, wenn schon nicht direkt im Zentrum, dann doch wenigstens an der Peripherie der Innenstadt wie an den Elbbrücken, an den Ausläufern der Hafencity... Das würde Hamburg viel Aufmerk-samkeit bringen."
         
       Andreas Wende, Savills
Verhältnisse, fast schon aufreizend wirkt und streberhaft (während
Berlin, die Graffiti- statt BID-Hauptstadt, vergammelt, nicht nur aus
Finanznot, sondern offenbar auch, weil es politisch gewollt ist). Das
Embellissement aus nüchternem Kalkül wirkt - Einheimische kommen
verstärkt, Touristen kommen verstärkt. Schönheit ist messbar und kennt
im Idealfall nur Gewinner. Und vielleicht ist ja das Leben im Norden
ideal, denn laut Umfragen leben hier die glücklichsten Deutschen.
...aber vieles richtiger als andere

Die Stadt zeigt mit ihrem aus tausend Jahren Selbstverwaltung hervor-
gegangenen Pragmatismus aber auch ein anderes Gesicht: Hier wurde
das bundesweit erste Wohnbündnis zwischen einer Verwaltung -     
dem Hamburger Senat - und städtischen sowie privaten Wohnungs-         
verbänden geschlossen. Es brachte in den vergangenen Jahren Zehn-
tausende neue Wohnungen hervor und half, den Anstieg der Mieten   
zu stoppen. Im Jahr 2019 wurden 12.715 neue Wohnungen genehmigt.
Die Mieten stiegen erneut weniger stark an als die Inflation, die Löhne
und die Renten - in einer Stadt, deren Bruttoinlandsprodukt pro Kopf
höher ist als das von London und Paris.
Stilvolles Bauen ist immer nur ein Tropfen auf den Stein stillosen Bauens, eine Blüte in der
Wüste, ein Lichtstreif am Horizont, eine Beschwörung der Metaebene mit Stein und Putz, Glas
und Stahl - wie es dieses Stadtquartier in Frankfurt oder dieses im oberösterreichischen Asten
stehende Brotmuseum zeigen. Die Metaebene lässt sich mit Begriffen wie "Italianità" (Graven-steiner Platz) oder "Wolkenschiff" (Paneum), wie "Meeresschiff" (Dockland) oder "Himmels-leiter" (Elbtower) umschreiben. Baukunst ist die handlungsstärkste, da am stärksten öffentlich wirkende aller Künste. Und der feinsinnige - Schönheit schaffende - Architekt ist der glück-lichste aller Menschen. Er weiß: Das Schöne, also dasjenige, was uns berührt, uns klüger und empfänglicher macht als wir es sonst sind, ist im Bauwesen - und im übrigen Leben - genauso elementar wie das sozial Gerechte oder ökologisch Nachhaltige. Architekten, die Ästhetisches als vordergründig abtun, haben ihr Fach nicht verstanden. Nur Schönheit schützt uns vor Verzweiflung.
Nur an der Alster gibt es die aus Kanada importierten "Business Impro-vement Districts" (BID), bei denen Anlieger in die Aufwertung ihres Quartiers investieren, um das Flair zu schaffen, welches Amazon fehlt. Auch die Stadt investiert Millionen in die Verschönerung von Straßen   und Plätzen. Das putzt die Innenstadt so heraus, dass es, für deutsche
Planer sitzen viel und starren viel (auf den Computer). Einige halten das offenbar nicht aus; 
sie bringen die ersehnte Bewegung einfach ihren Entwürfen bei. Moderne Software macht ja
fast alles (Un-)Mögliche mit, was CAD-Akrobaten aus ihr herauskitzeln. Kreativ bewegte
Architektur ist aber kein eitler Selbstzweck. Im Idealfall steckt sie, da sie Stil hat, also Akteur ist,
die Nutzer an, macht auch diese kreativ und geistig beweglich. Und verleitet eher zur Identi-
fikation mit dem Arbeitsort als gebaute 08/15-Ware. Man fühlt sich von der Architektur gelobt,
fast so, als würde man vom Chef gelobt (was bekanntlich viel zu selten geschieht). Mens sana
in aedificio sano oder: Firmen, die architekturaffin sind, haben die besseren Mitarbeiter. Das
Büro muss das Heim sein, nicht das Heim das Büro, denn im Homeoffice kommt man der Welt
abhanden. Und Videokonferenzen machen doof.